B121: Fischer, Salomo_SF an Arthur Schnitzler 1888-1914 Originale, Seite 128

brieflicher
Hochverehrter Herr College!
Gegenwärtig mit den Vorbereitungen zur vollständigen Umarbeitung und Weiterführung
der von Herrn R. Goette und mir im Jahre 1890 gemeinschaftlich veröffentlichten „Geschichte
der deutschen Literatur von Goethe’s Tode bis zur Gegenwart“ beschäftigt, wende ich mich
auch an Sie mit der Bitte, mein Vorhaben durch freundliche Berücksichtigung der nachstehend
näher bezeichneten Anliegen gütigst fördern zu wollen.
Ich richte nun zunächst das Ersuchen an Sie, mir entweder direkt oder durch Auftrag
an den Verleger diejenigen Ihrer einschlägigen Werke zukommen zu lassen, die seit dem Jahre
1890 erschienen sind, soweit sie Ihnen selbst zur Beurtheilung Ihres künstlerischen Schaffens in
seiner Gesammtheit wesentlich scheinen, da es erklärlicher Weise für einen Privatmann eine Sache
der Unmöglichkeit ist, aus eignen Mitteln käuflich alle die Werke zu beschaffen, die bei Be¬
arbeitung einer Literatur-Geschichte Anspruch auf Berücksichtigung haben. Da es sich im vor¬
liegenden Falle nicht um eigentliche Recensionsexemplare, sondern lediglich um das erforderliche
Unterlags-Materiel zur einheitlichen Gesammtbeurtheilung eines Autors ohne die Verpflichtung
zur Besprechung oder Namhaftmachung aller einzelnen Werke handelt, so bin ich eventuell bereit,
die Bücher nach erfolgter Benutzung Ihnen wieder zur Disposition zu stellen. Ich bitte jedoch
mir einen dahingehenden Wunsch sofort bei Uebersendung der Bücher bekannt geben zu wollen.
Ferner würde ich Ihnen für den Fall, dass Sie die 1. Auflage meiner Literatur-Geschichte
bereits kennen sollten, sehr verbunden sein, wenn Sie mich freundlichst auf etwa vorhandene und
von Ihnen bemerkte sachliche Irrthümer, wie solche ja bei jeder 1. Auflage vorzukommen pflegen,
aufmerksam machen und mir des Weiteren mittheilen wollten, welche Intentionen Sie bei Ihrem
poetischen Schaffen vorzugsweise verfolgen und welche Stellung Sie persönlich zu den literarischen
Stromungen der Gegenwart einnehmen. Gewiss liegt es im Interesse beider Theile, wenn der
literarhistoriker, unbeschadet der Selbständigkeit seines Urtheils, vom Dichter in möglichster Kürze
und Sachlichkeit erfährt, aus welchem Gesichtswinkel letzterer sein Schaffen betrachtet zu sehen
wünscht. Auch brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, dass für mich natürlich einzig und allein
der künstlerische Werth der zu beurtheilenden Schöpfungen in Frage kommt, gleichviel welcher
Zum Schlusse bemerke ich noch, dass die 1. Auflage des Buches, die in 2500 Exemplaren
Gruppe oder Partei ein Dichter angehört.
erschien, bereits seit Jahren vollständig vergriffen ist und dass die Neubearbeitung im Hinblick
auf thunlichst weite Verbreitung durch eine wohlfeile Ausgabe voraussichtlich in einer noch
Für freundliche — und zwar möglichst baldige — Berücksichtigung der oben geäusserten
wesentlich höheren Auflage erscheinen wird.
Wünsche im Voraus verbindlichst dankend,
mit vorzüglichster Hochachtung
DRESDEN-BLASKWITZ, Weststrasse 2,
Paul Heinze.
im Juni 1900.