B17: Brandes, Georg 17 (1) Brandes an Schnitzler, Seite 30

43 Kopenhagen, 18. Sept. 18.
Lieber, verehrter Freund.
Mein Trieb war, augenblicklich einen so herzlichen Brief zu
beantworten. Es war mir nicht möglich Zeit zu finden. Endlich nach
anderthalb Jahren Arbeit sind die zwei Bände über Cäsar, der erste von
500, der andere von 600 Seiten grossen Formats, vollendet, und ich
kann aufatmen.
Erinnern Sie sich einmal vor Jahren, es war eben an Ihrem
Geburtstag und Sie waren so frendlich gewesen, mich zu Tisch einzu-
lasen; ich sagte: Sie sind gerade 20 Jahre jünger als ich; Sie ant-
worteten: Und wir beabsichtigen auch ferner diese Distanz von einan-
der ku halten.- So ist es gegangen. Die Distanz ist geblieben, eine
seelische Entfernung nicht eingetreten.
Ich habe Sie nie vergessen, mich immer mit Ihnen beschäftigt,
und auch Sie gedenken freundlich meiner, obwohl wir uns nur selten
sahen.
Hier hat man in der vorigen Saison versucht, zwei Ihrer
Stücke zu spielen, ich sah das eine, das Stück über den Schauspieler,
das sehr gefiel und nicht übel gegeben wurde. Jetzt wird wieder etwas
von Ihnen, an einem anderen Theater, gespielt werden. Man hat hier
leider immer weniger Kunstverstand; doch werden Sie geschätzt; nur
sagt unsere unglaublich idiotische Kritik, Sie seien von Peter Man-
sen beeinflusst. Ich glaube, Sie schrieben, bevor Sie seinen Namen ge-
hört hatten. Und wo wäre die Aehnlichkeit!
Nansens Tod war die Veranlassung Ihres guten Briefes. Dieser
Tod hat mich tief ergriffen, so tief, dass es mirist, als lebte er
noch. Mir gegenüber ein sonderbarer Mensch. Dreissig Jahre hat er mich
gekannt, und in 25 mir nie näher getreten. In seinen beiden Ehen war
ich nie in sein Haus getreten, ich habe nicht einmal in einem flüchti-
age
et de Adrasse)
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(18.9.18.)
G.C.F.P.
gen Besuch je seine Wohnung gesehen. Dann plötzlich in den fünf-
sechs letzten Lebensjahren schloss er sich mit einer Innigkeit an
mich dass ich eine Art Hauptperson in seiner Gedankenwelt wurde,
er widmete mir öffentlich seine Bücher, schrieb öfters über mich -
natürlich meistens irrtümlich - aber mit dem besten Willen.
Es war sehr, sehr traurig, die Abnahme seiner Kräfte zu
verfolgen. Man litt fast mit ihm.
Und doch ertrinkt dies Einzelne in dem allgemeinen Jammer
der Menschheit. Glauben Sie nicht auch, dass diese Kugel, Erde genannt,
in dem Weltall den Record bestialischer Stupidität geschlagen hat? Es
scheint mir unmöglich, dass ein anderer globus von dümmeren und ekel-
hafteren Wesen bewohnt sein kann.
Ab und zu werde ich von Oesterreichern aufgesucht, aber
es ist zuletzt unerträglich, von seinen Landsleuten als Gebrauchsge-
genstand, von Fremden als Sehenswürdigkeit aufgesucht zu werden. Wenn
vierzig Briefe und 12 Bände pro Tag mit der Post kommen, und wenn es
alle drei Minuten an der Türe schellt, so ist es unmöglich, nicht zu
wüthen.
auf wird Sie hoffentlich finden
Sie irren sich völlig, wenn Sie glauben, dass ich hier für
einen Vertreter dänischen Geistesleben gelte. Die Zeit ist längst vorü-
ber. Ich habe mich von allem äusseren Leben zurückhezogen, um zu arbei-
ten, und betrachte es als meine einzige Aufgabe, der nordischen Jugend
gegenüber, sie mir vom Halse zu halten. Ich überlasse anderen die Freu-
den des öffentlichen Vortrags und des Beifallklatschens.
Ihre Frau Gemahlin war mir in Wie 1913 eine liebe Wirtin.
Ich sage ihr meinen Dank. Hoffe, dass Sie Freude an den Kindern haben. Ich
habe ein paar kleine Enkel, 10 und 5 Jahre, die selten hier sind, aber
die bedau
sehr lieb. Ihr Freund
Georg Brandes.