A171: Spiel im Morgengrauen. Novelle, Seite 5

G.C.H.P.
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dire une
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le reste des
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P.
Beriner Illustrirte Zeitung
G.F.P
Nr. 49
Fiaker zur Bahn neht
Auf die zwei Gulden
überhaupt nichts mehr kosten. Ein kleines Aben¬
„Nun — was denkst du über meine Idee?“
am es heute wirklich
teuer vor drei Monaten, das vielverheißend be¬
nicht an.
fragte Willi.
gonnen hatte, war daran gescheitert, daß Willi
Bogner zuckte die Achseln. „Ich dank' dir
buchstäblich nicht in der Lage gewesen wäre, an
jedenfalls sehr — ich sag natürlich nicht Rein
einem gewissen Abend ein Nachtmahl für zwei
obwohl -
Als er um die Mittagsstunde in Baden den Personen zu bezahlen.
„Garantieren kann ich selbstverständlich nicht,“
Eigentlich traurig, dachte er. Niemals
Zug verließ, befand er sich in gar nicht übler
unterbrach ihn Willi mit übertriebener Lebhaftig¬
noch war ihm die Enge seiner Verhält¬
Laune. Auf dem Bahnhof in Wien hatte der
keit, „aber riskiert ist am End’ auch nicht viel.
nisse so deutlich zum Bewußtsein gekommen
Oberleutnant Wositzky — im Dienst ein sehr un¬
list
Und wenn ich gewinn' — respektive von dem, langenehmer Herr —
als heute — an diesem wunderschönen Frühlings¬
sich aufs freundlichste mit
was ich gewinn', gehören dir tausend — min.
tag, da er in einem leider nicht mehr sehr fun¬
ihm unterhalten, und im Coupé hatten zwei junge
destens tausend gehören dir. Und wenn ich
Mädel so lebhaft mit ihm kokettiert, daß er er um
kelnden Waffenrock / in drap Beinkleidern, die an
zufällig einen besonderen Riß machen sollte —
den Knien ein wenig zu glänzen anfingen, und
seines Tagesprogramms willen beinahe froh war,
mit einer Kappe, die erheblich niedriger war als
„Versprich nicht zu viel," sagte Otto mit trü¬
als sie nicht zugleich mit ihm ausstiegen. In all
the
die neueste Offiziersmode vorschrieb, durch die
seiner günstigen Stimmung aber fühlte er sich
bem Lächeln, er streckte ihm die Hand entgegen.
duftenden Parkanlagen den Weg zu dem Land¬
„In jedem Fall dank' ich dir sehr, Willi. — Aber
doch versucht, dem einstigen Kameraden Bogner
die
haus nahm, in dem die Familie Keßner wohnte
jetzt will ich dich nicht länger aufhalten. Schon
innerlich Vorwürfe zu machen, nicht einmal so
— wenn es nicht gar ihr Besitz war. Zum ersten¬
sehr wegen des Eingriffs in die Kasse, der jo
um meinetwillen. Und morgen früh werde ich
mal auch geschah es ihm heute, daß er die Hoff¬
mir erlauben — vielmehr... ich warte morgen
durch die unglückseligen außeren Verhältnisse ge-
nung auf eine Einladung zum Mittagessen oder
wissermaßen entschuldbar war, als vielmehr
früh um halbacht drüben vor der Alserkirche.
wegen der dummen Spielgeschichte, mit der er
vielmehr dem Umstand, daß ihm diese Erwartung
Und mit bitterem Lachen: „Wir können uns ja
eine Hoffnung bedeutete, als beschämend empfand.
auch zufällig begegnet sein.“ Den Versuch einer
Karriere einfach abge¬
sich vor drei Jahren
Immerhin gab er sich nicht ungern darein, daß
Erwiderung von seiten Willis wehrte Bogner ab¬
schnitten hatte. Ein Offizier mußte doch am
diese Hoffnung sich erfüllte, nicht nur wegen des
und fügte rasch hinzu: „Uebrigens, ich laß mein
Ende wissen, bis wohin er gehen durfte. Er
schmackhaften Mittagessen und des trefflichen
Hände unterdessen auch nicht im Schoß liegen.
selbst zum Beispiel war vor drei Wochen, als ihn
Weins, sondern auch darum, weil Fräulein
Siebzig Gulden hab' ich noch im Vermögen. Die
das Unglück beständig verfolgte, einfach vom
Emilie, die zu seiner Rechten saß, durch freund¬
rikier' ich heut' nachmittag beim Rennen — auf
Kartentisch aufgestanden, obwohl der Konsul
liche Blicke und zutrauliche Berührungen, die
Schnabel ihm in der liebenswürdigsten Weise
dem Zehn=Kreuzer=Platz natürlich.“ Er trat rasch
zum Fenster, sah in den Kasernenhof hinab —
übrigens durchaus als zufällig gelten konnten, sich
seine Börse zur Verfügung gestellt hatte. Er
als sehr angenehme Tischnachbarin erwies. Er
„die Luft ist rein," sagte er, verzog bitter=höhnisch
hatte überhaupt immer gewußt, Versuchungen zu
widerstehen, und jederzeit war es ihm gelungen, war nicht der einzige Gast. Auch ein junger
den Mund, schlug den Kragen hoch, reichte Willi
Rechtsanwalt war anwesend, den der Hausherr
mit der knappen Gage und den geringen Zu¬
die Hand und ging.
aus Wien mitgebracht hatte, und der das Ge¬
schüssen auszukommen, die er zuerst vom Vater,
Wilhelm seufzte leicht, sann eine Weile nach,
spräch in einem fröhlichen, leichten, zuweilen auch
und nachdem dieser als Oberst in Temesvar ge¬
dann machte er sich eilig zum Gehen fertig. Mit
etwas ironischen Tone zu führen wußte. Der
storben war, von Onkel Robert erhalten hatte.
dem Zustand seiner uniform war er übrigens
Hausherr war höflich, aber etwas kühl gegenüber
Und seit diese Zuschüsse eingestellt waren, hatte
nicht sehr zufrieden. Wenn er heute gewinnen
Willi, wie er ja im allgemeinen von den Sonn¬
er sich eben danach einzurichten gewußt: der
sollte, war er entschlossen, sich mindestens einen
tagsbesuchen des Herrn Leutrants, der seinen
neuen Waffenrock anzuschaffen. Das Dampfoad Kaffeehausbesuch wurde eingeschränkt, von Neu¬
Damen im vergangenen Fasching auf einem Ball
anschaffungen wurde Abstand genommen, an Vi¬
gab er in Anbetracht der vorgerückten Stunde
vorgestellt worden war, und eine Aufforderung.
garetten gespart, und die Weiber durften einen
auf; in jedem Falle aber wollte er sich einen
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Beriner Muhrifte Zeitung.
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Tee zu kommen, vielleicht in Südtirol aufgehalten haben; und war es nicht
der Herr Leutnant gewesen, den sie an einem man sich freuen,
ortlich aufgefaßt hatte, nicht sonderlich
zu machen, ihn im Laufe des heute
schönen Sommertag an ihrem Hotel in Seis auf
entzückt zu sein schien. Auch die noch immer
wiederzusehen.
einem Rappen vorbeisprengen gesehen hatten?
hübsche Hausfrau hatte offensichtlich keinerlei Er¬
Als er das Haus verließ, fuhren eben zwei
Willi wollte es nicht geradezu in Abrede stellen,
elegante junge Herren im Fiaker vor, was Willi
innerung mehr daran, daß sie vor vierzehn Tagen
obzwar er bei sich sehr gut wußte, daß er, ein
auf einer etwas abseits gelegenen Gartenbank
nicht angenehm berührte. Was konnte in diesem
einer unerwartet kühnen Umarmung des Leut=7 kleiner Infanterieleutnant vom 8, niemals auf
mants sich erst entzogen, als das Geräusch nahen= 1/8 einem stolzen Roß durch irgendeine in Tirol oder Hause sich nicht alles ereignen, während er ge-
nötigt war, für einen entgleisten Kameraden im
sonstwo gelegene Ortschaft gesprengt sein konnte.
der Schritte auf dem Kies vernehmbar gewor¬
Die beiden jungen Damen waren anmutig Kaffeehaus tausend Gulden zu verdienen? Ob
den war. Bei Tische war zuerst in allerlei, für
es nicht das weitaus Klügere wäre, sich auf die
in Weiß gekleidet; das Fräulein Keßner, hellrosa,
Sache gar nicht einzulassen und in einer halben
den Leutnant nicht ganz verständlichen Aus¬
in der Mitte, so liefen sie alle drei mutwillig
Stunde etwa, nachdem man angeblich den kranken
drücken von einem Prozeß die Rede, den der
über den Rasen
Rechtsanwalt für den Hausherrn in Angelegen¬
Freund besucht, wieder in den schönen Garten zu
„Wie drei Grazien, nicht wahr?“ meinte der
heit seiner Fabrik zu führen hatte; dann aber
Rechtsanwalt. Wieder klang es wie Ironie, und den drei Grazien zurückzukehren? Um so klüger,
kam das Gespräch auf Landaufenthalte und
dachte er mit einiger Selbstgefälligkeit weiter, als
dem Leutnant lag es auf der Zunge: Wie meinen
Sommerreisen, und nun war auch für Willi die
seine Chancen für einen Gewinst im Spiel indes
Sie das, Herr Doktor? Doch es war um so
Möglichkeit gegeben, sich daran zu beteiligen. Er
leichter, diese Bemerkung zu unterdrücken, als erheblich gesunken sein durften.
hatte vor zwef Jahren die Kaisermanöver in den
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Fräulein Emilie sich eben von der Wiese her
Dolomiten mitgemacht, erzählte von Nachtlagern
III.
umgewandt und ihm lustig zugewinkt hatte. Sie
unter freiem Himmel, von den zwei schwarz¬
war blond, etwas größer als er und es war an¬
Von einer Anschlagsäule starrte ihm ein
lockigen Töchtern eines Kastelruther Wirts, die
zunehmen, daß sie eine nicht unbeträchtliche Mit¬
großes, gelbes Rennplakat entgegen, und es fiel
man wegen ihrer Unnahbarkeit die zwei Me¬
gift erwarten durfte. Aber bis man so weit war
ihm ein, daß Bogner in dieser Stunde schon in
dusen genannt hatte, und von einem Feldmar-
— wenn man überhaupt von solchen Möglich¬
der Freudenau bei den Rennen, ja vielleicht eben
schalleutnant, der sozusagen vor Willis Augen
keiten zu träumen wagte dauerte es noch lange,
daran war, auf eigene Faust die rettende Summe
wegen eines mißglückten Reiterangriffs in Un¬
gnade gefallen war. Und wie es ihm beim — sehr lange, und die tausend Gulden für den ver¬
unglückten Kameraden mußten spätestens bis zu gewinnen. Wie aber, wenn Bogner ihm einen
solchen Glücksfall verschwiege, um noch überdies
dritten oder vierten Glas Wein leicht zu geschehen
sich der tausend Gulden zu versichern, die Willi
morgen früh beschafft sein.
pflegte, wurde er immer unbefangener, frischer,
So blieb ihm nichts übrig, als sich zu emp¬
indes dem Konsul Schnabel oder dem Regiments¬
ja beinahe witzig. Er fühlte, wie er allmählich
fehlen, dem einstigen Oberleutnant Bogner zu¬
arzt Tugut im Kartenspiel abgewonnen? Nun
den Hausherrn für sich gewann, wie der Rechts¬
liebe, gerade als die Unterhaltung im besten
Gange war. Man gab sich den Anschein, als ja, wenn man einmal tief genug gesunken war,
anwalt im Ton immer weniger ironisch wurde,
um in eine fremde Kasse zu greifen... Und
wie in der Hausfrau eine Erinnerung aufzu¬
in ein paar Monaten oder Wochen würde Bogner
wollte man ihn zurüchalten, er bedauerte sehr
schimmern begann; und ein lebhafter Druck von
wahrscheinlich wieder gerade soweit sein wie=
Emiliens Knie an dem seinen gab sich nicht mehr „ leider sei er verabredet, und vor allem mußte er
einen Kameraden im Garnisonsspitale besuchen,
heute. Und was dann?
mühe, als zufällig zu gelten.
Zum schwarzen Kaffee erschien eine wohl- der hier ein altes rheumatisches Leiden aus¬
Musik klang zu ihm herüber. Es war irgend=
kurierte. Auch hierzu lächelte der Rechtsanwalt
eine italienische Ouvertüre von der halb ver¬
beleibte, ältere Dame mit ihren zwei Töchtern,
ironisch. Ob denn dieser Besuch den ganzen
ill" vorgestellt wurde. Es ergab sich bald, daß L.-Nachmittag in Anspruch nähme! fragte Frau schollenen Art, wie sie überhaupt nur von Neu
denen Willi als „unser Tänzer vom Industriellen.
ihr vor zwei Jahren gleichfalls Kehner, verheißungsvoll lächelnd. Willi zuckte nüchestern gespielt zu werden pflegen. Willt aber
de la faveur des