A20: Flucht in die Finsternis (Der Verfolgte, Wahnsinn), Seite 104

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hatte doch nur Geltung für einen bestimmten Fall; und dieser Fall
lag nicht vor, konnte niemals eintreten. Er war nicht wahnsinnig;
er war gesund. Aber was half ihm das, wenn ihn Andere für wahnsin-
nig hielten? Was half es ihm, wenn am Ende sein eigener Bruder
ihn für wahnsinnig hielt? Konnte es nicht geschehen, dass gerade
die wundersame Veränderung, seines Seelenzustandes, dieses Aufschwe-
ben, diese Gelöstheit, diesen Heiterkeit seines Wesens einem getrüb-
ten Blick die Anzeichen einer herannahenden Geistesstörung vor-
täuschten? Vor wenigen Tagen erst hatte sich Marianne ihm gegen-
über mit wachsender Besorgnis über ihres Gatten blasses und abge-
spanntes Aussehen geäudsert;- als Robert daraufhin eine brüderli-
che Mahnung an Otto wagte, wareihn das unverhältnismässig Gereizte,
fast Barsche in dessen Antwort aufgefallen,und in der Erinnerung
schien ihm sogar, als hätte in der letzten Zeit Ottos Gang und
Haltung einen eigentümlich veränderten Charakter angenommen. Soll-
te er kränker sein als ich, dachte Robert?-Er- der Kranke - nicht.
- or allen-
„Was ist dir" fragte Paula. „Habe ich dir weh get an?
Er fasste sich. „Geliebte“, flüsterte er und drückte
rade
ihr die Hand. Aber seine innere Unruhe vermochte er nicht mehr zu
beschwichtigen, Er dachte an die tückische Schicksalsmöglichkeit,
dass gerade jetzt, da er sich dem Dasein wiedergegeben und zu ei-
nem stillen Glück bestimmt wähnte, sein unglückseliger Bruder sich
zur Einlösung jenes furchtbaren Versprechens berechtigt und ver-
pflich tet glauben könnte. Um seine plötzlich verdüsterte Stimmung