B39: Herzl, Theodor_75 Arthur Schnitzler an Herzl, Abschrift, Seite 29

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(30.11.94)
risch-kitisches Auge ist hier massgebender als mein Gedächtnis.
Umsomehr als die Erinnerung an Stunden des Schaffens täuschend ist
wie die an Träume.-
Nun das Stück. Auf meine Bemerkung betreffe neuer und insbesondere
jüdisch-sympathische Figuren gingen Sie nicht ein. Und jemehr ich
überlege, umso wesentlicher scheint mir das. Ich glaube auch, dass
die Frau den Helden um nichts weniger ins Ghetto zurückdrängt, wenn
sie auch ihr etwas vom Opfer geben.- An der Einführung B.'s hat mich
das Gespräch mit den Dienstboten gestört, das mir zu absichtlich und
selbst theoretisch unangenehm scheint. Ich bin sehr begierig zu
wissen, wie Sie sich gegenüber meinen Ideen über den Schluss verhal-
ten. - Dass mir persönlich der Begleitbrief zusagt, brauche ich nicht
zu versichern. Wie sich - "jene" - dazu verhalten werden, weiss ich
nicht. Ich denke, sie werden das Stück sehr rasch lesen - aber mit
der stillen Hoffnung,ein schlechtes zu finden. Sie wollen aber vor
allem erreichen, dass sie aufmerksam werden - das dürfte gelingen.-
Mit Sch. sprach ich; er ist geneigt. Die Privatadresse ist III.
Reisnerstrasse 25. Er ist in der Kanzlei seines Vaters beschäftigt-
(deren Adresse neulich erst gewechselt hat und mir augenblicklich
entfallen ist) - vielleicht ist aber die Privatadresse vorzuziehen? -
Sch. gegenüber sprach ich zur grösseren Vorsicht von einem in Berlin
ansässigen Autor. Ich hoffe Ihnen nun das abgeschriebene Manuser.
bald senden zu können; nicht wahr? -
Ich kann diesen Brief nicht schliessen, ohne Ihnen für Ihr köstliches
Feuilleton die Hand zu drücken. Sie haben übrigens in den letzten
Jahren kaum eines veröffentlicht, wo ich dieses Bedürfnis nicht ge-