B16: Brahm, Otto 2 Arthur Schnitzler an Brahm, Abschrift (Fortsetzung) , Seite 7

Wien, 28. April 1906.
Lieber Freund,
nachdem ich Ihren Brief erhalten, telegraphierte ich an
Rittner:
„Wären Sie bereit Indian in Wien zu spielen? Wäre mir
sehr werthvoll. Ich gehe in dieser Sache vorläufig
ohne Brahm vor und bitte Sie herzlichst um mir even¬
tuelle schwere Unannehmlichkeiten zu ersparen um ehren¬
wörtlich strenge Discretion nach allen Seiten. Verbind-
lichen Gruss. A.S.
c.s.as
Darauf kam eben folgendes Antworttelegramm: Habe über-
legt, geht leider doch nicht, jetzt wo Abreise vor der
Thür, xxx Rolle nicht mehr intus,Garderobe nicht in
Ordnung für Wiener Ansprüche, müsste neu lernen, Proben
haben, käme überdies Reicher gegenüber collegial in
schiefste Situation, glaube auch nicht, dass Brahm noch
Aenderung trifft, Discretion natürlich gewahrt. Herzlichen
Gruss. R.
(28.4.06.)
Das „geht leider doch nicht" bedarf der Aufklärung.
(Hier muss ich natürlich Sie um Discretion bitten.)
Vor ein paar Tagen traf Rittner Salten auf der Stras-
se und äusserte sich gesprächsweise zu ihm „er sei im
Prinzip nicht dagegen den Julian in Wien zu spielen.“
So sehr ich vermuthetete, dass im Ernstfall mit diesem
Prinzip für mich verdammt wenig anzufangen sein würde,
glaubt ich es, nach den wahrhaft allarmierenden Nachrich-
ten über Reicher von den verschiedensten Seiten,mir
selbst schuldig zu sein, nichts unversucht zu lassen,
um diese Gefahr von meinem Haupt abzuwenden. Man will
sich doch seine Durchfälle möglichst allein verdanken...
und gerade diesmal, bei dem ausserordentlichen Erfolg
der gesammten übrigen Besetzung, wäre die gesamte Ver-
antwortung auf mich gefallen - wenn der Oelfleck zu
eliminieren gewesen wäre. Sie nehmen mir also nicht
übel lieber Freund, wenn ich trotz Ihres Abrathens (des-
sen Motive keiner besser zu würdigen versteht als ich)