B16: Brahm, Otto 2 Arthur Schnitzler an Brahm, Abschrift (Fortsetzung) , Seite 21

Votre très bien aussi
73 Semmering, 16.2.1908.
Lieber Freund,
vor allem Aufklärung eines Missverständnisses. Meine
Frau schrieb: „Sie kommen also nicht? Es ist wunder-
schön heroben." Auf diese zweideutige Zusammenstellung
bezog sich mein „Sie meint’s nicht so." Olga hat gleich
vermuthet, dass Sie meinen Witz nicht verstehen wer-
den. Und ich hab Sie überschätzt.- Oder sollte der
Witz schlecht gewesen sein? -
Für heute nur noch, dass der Ruf nach fruchtbringenden
Gesprächen mit Olga und dem (bereits abgereisten) Hu-
go, mich fortdauernd beschäftigt. Lassen Sie sich nur
sagen, dass, wenn mein neuer Plan zur Aufführung kommt,
eine andere Decoration zum 3. Akt notwendig ist - was
aber reichlich dadurch wett gemacht wird, dass nicht
nur Marie nicht während des ganzen 2. Aktes versteckt
ist (sie kommt erst zum Schluss), sondern dass auch Irene
am Leben bleibt, wodurch der Pistolenschuss des Obersten
entfällt. Hingegen ist diesem (Obersten) im 3.Akt noch
(16.2.08.)
was besonderes und der mörderischen Marie ein wunder-
schöner Tod aufgespart. (Venn ich's treffe.) Das ganze
Stück würde nach völlig anderer Richtung, nicht in
ethisch-philosophischer, sondern in dramatischer wei-
tergeführt, und alles scheinbar episodische des 2.Aktes
besänne sich im 3. auf seinen tiefern Sinn.
Ob ich die Sache gleich machen kann, weiss ich nicht:
ich möchte ja sehr gern; irgend einmal mach ich's
bestimmt.
Das nur eiligst, das Essen wartet.
Herzlichst mit vielen Grüssen von uns Allen.