B128: Reigen (Verschiedene Korrespondenzen. Harz, S. Fischer), Seite 6

Berlin W.10.
Geh.Ræk Med.Rat Prof.Dr.Albert Eulenburg.
Arthur Schnitzlers als „Reigen“ perlschnurartig aufge-
reihte Dialogenfolge ist mir schon beim ersten Erschei-
nen nicht entgangen und gleich damals ihrer hohen
sexualpsychologischen Eigenartigkeit entsprechend ein-
geschätzt worden. Gewisse Bedenklichkeiten des Stoffes
verkenne ich auch meinerseits nicht - aber wenn irgend-
wo so werden wir auch hier durch die meisterhafte
psychologische Beherrschung im Verein mit der vollen-
deten künstlerischen Fassung spielend über diese Be-
denklichkeiten hinweggetragen und in die sphäre unge-
trübten ästhetisch-literarischen Geniessens erhoben.
So sollte und könnte es wenigstens sein; natürlich
muss man wohl zugeben, dass es auch Leute gibt und geben
wird, sogar xxx soi-disant "Kritiker", die in diesem Rei-
gen "das gewagteste Buch unserer heutigen Literatur"
ein "frivoles" Machwerk und in seinem Erfolg nur einen
"Pikanterie"-Erfolg erblicken und ihrer Veranlagung
nach erblicken missen. Das ist nicht zu ändern - aber
kann das wirklich ein ausreichender Grund sein, um auf
die Dauer der grossen Oeffentlichkeit ein Buch vorzu-
enthalten, das einen wahrlich sehr ernsten, die höchste
Beachtung und Würdigung erheischenden Gegenstand, wenn
auch scheinbarctändelnd und mit der dem Wesen des Au-
tors untrennbar anhaftenden feinsinnigen Ironie und
Skepsis behandelt und aus dem sich über diesen Gegen-
stand über das Geschlechtsleben unserer Zeit, auf weni-
gen Seiten mehr lebendige Anschauung gewinnen lässt,
als aus manchen, diesen Decktitel tragenden halb-oder
ganzwissenschaftlichen dickleibigen Folianten? Die
Frage nur aufwerfen heisst auch schon sie entscheiden.
Und vor allem: ein Werk Arthur Schnitzlers gehört
der Nation, die ein unnehmbares Recht darauf hat, einen
ihrer feinsten und besten Geister auf allen Entwicklungs-
wegen und meinetwegen auch Neben- und Seitenwegen seines
Talentes zu begleiten und völlig kennen zu lernen. Man
lasse ihr also dieses Recht fortan unverkümmert!
A.Eulenburg.