A53: Der Geist im Wort und der Geist in der Tat, Seite 9

noch ist die Wahrheit seiner Persönlichkeit. Der
positive Tijp ist jederzeit bereit, sein Leben
an sein Werk hinzugeben und hat kein Interesse
daran, als Individuum dem Siege seines Werkes
oder seiner Idee beizuwohnen. Nicht auf per-
sönlichen Nachruhm, sondern auf die Un
sterblichkeit der Idee kommt es ihm an.
Der positive Typus ist einsam, aber ein
geordnet; der negative Trpus gesellig,
aber isoliert.
Für den positiven Typus ist der Raum
bedeutungslos, da er ins Ewige und ins Unend¬
liche wirkt. Der négative Typus lebt ohne das
Gefühl von Zusammenhängen, das Gestern ist tot
in
für ihn, das Morgen tagebaren, nur im Raume
unvortellbauvermag er sich auszubreiten, er hat im wahren
Sinn des Wortes „keine Zeit“; daher seine
Ungeduld, Unruhe und Unbedenklichkeit in der
+ some
Wahl seiner Mittel.
I have
Zum Wesen des Priesters und des Staats-
mannes, also der Typen auf der linken Seite
des Dreiecks, gehört es, daß sie sich als Erfüller
einer Sendung, unter Umständen einer gött¬
lichen Aufgabe erscheinen; ein gewisser Grad
von Intuitioni ist für sie charakteristisch und
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bedeutungsvoll.
Der Philosoph und der Historiker da-
gegen, die Typen der rechten Seite also, sind
auf Tatsachen und Erkenntnisse in höherem
grade eingestellt und angewiesen. Sie werden
durch Zweifel gefördert, während dem Priester
und dem Staatsmann Zweifel gefährlich werden
können — nicht müssen.
Wohl sind Philosoph und Historiker,
niemals aber Priester und Staatsmann ohne
mystischen Einschlag zu denken, doch fehlt es
nicht an Priestern und Staatsmännern, die zweif-
lerisch oder skeptisch angelegt sind, ebenso¬
wenig an gläubig angelegten Philosphen und
Historikern.
Der Priester will Andacht, der Pfaffe Un-
terwerfung, der Staatsmann Entwicklung, der
Politiker Parteisieg (gleichgültig im Einzelfall,
ob es „Fortschritt“ oder „Rückschritt" sei).
Der Philosoph sucht höhere Ordnung, der
Sophist Gedankenspiel; der Historiker Ein-
sicht und Zusammenhang, der Journalist
Tempo und Verwirrung, der Dichter Ge-
staltung und Form, der Literat Figur und
Ornament.
Es ist nicht zufällig innerhalb des Diogramms,
daß Priester und Philosoph, wenn auch
in der gleichen Ebene, am weitesten vonein¬
ander entfernt, Staatsmann und Historiker,
auch ihrerseits auf gleicher Ebene, einander
näher sind als Priester und Philosoph.
Schnitzler, Diogramm
S. Fischer, Berlin.
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