A100: Der Ruf des Lebens. Schauspiel in drei Akten (Vatermörderin), Seite 70

69.
Der Arzt.
Ich wollte noch einmal nach Ihnen sehen, Marie,
eh ich, auf recht lang möglicherweise, von Ihnen Ab¬
schied nehme.
Marie.
Wohin geht die Reise? Wieder in die Stadt zurück?
Der Arzt.
Nein. Vorerst wandre ich mit dem Adjunkten in
sein neues Revier, über die Berge.
Marie.
Heute noch?
Der Arzt.
In einer Stunde.
Marie.
Viel Glück auf den Weg. Auf Wiedersehen..
das hätte wohl wenig Sinn.
Der Arzt.
Und sonst haben Sie mir nichts zu sagen?
Marie.
Sind Sie gekommen, sich Ihren Dank zu holen, so
hätten Sie sich den Aufenthalt sparen können. Ich
danke Ihnen nicht. Nein. Ich danke ihnen icht. Ich
weiß mit Ihrem Geschenke nichts anzufangen.
Der Arzt.
Mit meinem Geschenk..?
Marie
(beinahe höhnisch.)
Was ist denn meine Freiheit, mein Leben anderes,
als Ihr Geschenk?
Der Arzt.
Sie haben mich mißverstanden, Marie. Ich wollte
Ihnen nichts schenken, was Sie doch wegwerfen können,
sobald Sie wollten. Unsinniges nur wollt ich verhüten.
Marie.
Wär es gar so unsinnig, wenn ich Ruhe hätte?
Wenn's vorbei wäre?
Der Arzt.
Verhüten wollt ich, daß Sie sich vor Menschen ver¬
antworten müssen, die nichts von Ihnen wissen — denen
für tausendfältig verschiedene Tat doch immer nur ein
Wort gilt... verhüten daß Sie eine Buße leiden,
die niemandem nützt, nicht Toten und nicht Lebendigen...
Darum hab ich an jenem Morgen gewartet, bis Sie
nach Hause kamen.... Der, dem Sie das Gift zu
trinken gaben, war ein Verlorener, der Erlösung fand
gegen seinen Willen.
Marie.
Nicht darum hab ich's getan.
Der Arzt.
Darum aber hätten die Menschen Sie gestraft.
Ich habe Sie nicht gefragt, woher Sie gekommen sind.
Wenn Sie glauben, daß Sie etwas anderes zu sühnen
haben, so ist es Ihre Sache allein.
Marie.
Nur für mich hab ich's getan!... Weil das Leben
mich rief... darum hab ich's getan...