B17: Brandes, Georg 17 (1) Brandes an Schnitzler, Seite 23

Paris, Hotel d'Jéna
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3.### Februar 1912.
Verehrter Freund, verehrte Freundin.
Da es zehn oder elf Mahne her ist, dass ich in Wien war.
Ihre lieben und schönen Porträts haben mich hier eingeholt, wohin
ich geflohen bin, um verschs dene Festlichkeiten in Kopenhagen zu
vermeiden. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass auch Sie, die ich so sehr
schätze, an mich (bei dieser schmählichen tragikomischen Gelegenheit)
gedacht haben.
Ihnen gegenüber ist mein Herz voll. On a eu l'idée saughenue
ich sowohl dem Rathausfest wie einem von der Universität und den
Schriftstellern veranstalteten ausschlug - einen Saal der kgl.Biblio-
thek zum einem G.B.-Archiv zu verwandeln und mit meiner Büste zu
versehen.
Da sollen idiotische Literarhistoriker der Zukunft in meinen alten
Liebesbriefen schnüffeln. Das soll mir Freude machen.
Glücklicherweise für Arthur S. halten wir noch immer dieselbe Distanz
von 20 Jahren.
Ihr ergebenster
Georg Brandes.
Dänemark
Kopenhagen
de la riviere avec le
25.9.
Verehrter Freund.
Da es zehn oder elf Nahre her ist, dass ich in Wien war,
habe ich um einen Vorwand zu haben, es wiederzusehen, mich engagieren
lassen, ein Paar erbärmliche Vorträge zwischen 20. und 23. November dort
zu halten (Urania). Da nun Sie ein Hauptstück von meinem Wien sind,
möchte ich gerne wissen, ob Sie wohl zu der Zeit sich in Wien befinden
(nur auf einer Karte antworten). Ich möchte noch gerne Beer-Hofmann
und Wassermann und Hofmannsthal sehen, die ja alle Wiener sind; Sie
sind aber für mich die Hauptperson. Georg Brandes
Ihr sehr ergebener
Georg Brandes.