B17: Brandes, Georg 17 (1) Brandes an Schnitzler, Seite 43

Taormina (Sicilien)
le 1e 7e
Hotel Time
16. März 1898.
Liebeter Dr.Schnitzler.
Ich fühle mich Ihnen und Herrn Dr. Beer-Hofmann gegenüber wirk-
lich wie ein Schweinehund. Ich nehme in Wien Ihre Zeit in Anspruch,
Sie sehen täglich, wie es mir geht, Sie beide sind die letzten, die
mich in Wien besuchen; ich reise fort und lasse nichts von mir hören,
danke Ihnen nicht einmal. Nur hoffe ich dass Sie einen stummen Gruss
von mir bekommen haben, da ich meine Tochter bat, Ihnen einige alte
Drucksachen zu senden.
Der Anfang meiner Reise/war durch die Krankheit meiner Mutter
sehr verdüstert. Indes, sie lebt. Sie liegt zwar noch zu Bette, aber es
geht ihr besser; sie kann täglich eine Stunde aus dem Bette sein.
Ich las irgendwo, in Florenz glaub' ich, etwas über die Auf-
führung Ihres Stückes in einem deutschen Blatt, konnte aber nicht daraus
klug werden. Sind Sie mit dem Resultat zufrieden gewesen?
Ich ging von Florenz nach Rom, wo die Studenten der philoso-
phischen Fakultät artig genug waren mich mit einer sehr netten Adresse
zu begrüssen. Es war dort bald kalt, bald warm, doch trocken, aber in
Neapel wurde ich von argem gegenwetter verfolgt. Dort sah ich curios
genug die ganze Aristokratie, da man mich viel in diesen Kreisen einlud,
obwohl ich nicht einmal Empfehlungsschreiben hatte.
Hier in diesem gesegneten und verhungernden Land hatte ich
wieder fast immer Regen. Ich bin schon mehr als 14 Tage hier. Aber wenn
es bisweilen schön ist, dann ist es hier am Fusse des Etna in der starken
herrlichen Wärme am Ufer des Meeres wahrlich sehr schön. Hier hat jeder
Fleck ihre Geschichte, hier haben Araber und Normannen usw. Spuren hin-
terlassen, hier hat Heine und Platen gelebt, und noch gibt es hier in
Taormina nicht wenige deutsche Herren mit seinen Leidenschaften.
— 2 — (16.3.1898)
Lieber Dr. Schnitzler, sehr guter Freund.
Haben Sie Dank für Ihre Zeilen. Was habe ich nicht alles erlebt seit
Ich Sie sah. Jetzt liege ich wieder zu Bett; die Venenentzündung ist
zurück Ich lebe hier gesellig am Tage, einsam von 5 Uhr ab, lese und
schreibe viel, oder so viel ich vermag, denn alt und dumm bin ich.
Ich danke Herrn Beer-Hofmann viel für das Buch von d'Annunzio,
das ich zwischen Wien und Florenz las; es war mir eigentlich zuwider,
und ich mag auch das Uebrige von d'Annunzio nur wenig. Uebrigens war
ohr stark gekürzt, als ich sie mit dem Original ver-
die Uebersetzung
glich. Grüssen Sie herzlich den weisen Mann Wollzeile 15, I-
Ich bitte mich auch Ihrer Frau Mutter bestens zu empfehlen.
Ihr ergebener
Krank, konnte meine Mutter nicht xxx
ihres Lebens und nicht an ihrer Beerdigung da sein. Ich habe nie einen
einzigen Tag in Kopenhagen versäumt meine Mutter zu besuchen.
Und jetzt liege ich in Streit mit den Deutschen wegen der Aus-
treibung der Dänen aus Schlesweg. Gibt es etwas widerlicheres als
Preussen? Nicht Frankreich einmal.
Mit ruhiger genissender Freude las ich das Vermächtnis. Es ist
ein völlig originales Ding, sehr diskret und vornehm, tief peesimistisch
und human. (Kennen Sie zufällig eine kleine Erzählung von Huysman
ge dilème, die behandelt ein ähnliches Thema, nur viel gröber oder
richtiger gehe anders, aber es ist da ein bisschen Verwandtschaft).
Es ist nur schade, dass das Stück wo ganz und gar traurig ist,
dann wird es nicht so viel Bühnenerfolge haben können, wie ich es
wünschte. Der Vater ist wunderbar gezeichnet. Und überhaupt, ich habe
Ihr Talent so lieb, Etwas freut mich schon, weil es von Ihnen ist.
Warum lässt doch unser Freund Beer Hofmann nie von sich hören?