B17: Brandes, Georg 17 (2) Schnitzler an Brandes, Seite 14

1e, jusqu'au 1,2, rue 1, 6, & 4, 4,
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V. P.
Mein neues Schauspiel kommt im Herbst in der Burg dran (wenn die Hof-
zensur nichts dawider hat); jetzt habe ich ein paar einaktige Sachen
geschrieben und möchte bald wieder an was grösseres gehen. Bei dem
neuen Schauspiel ist mir stärker als je ein Grundmangel meines Schaf-
fens zum Bewusstsein gekommen. Ich finde nemlich, dass mir die Neben-
figuren meistens nicht übel gelingen; hingegen ist meine Hauptperson
immer irgend wer, dem was sehr trauriges passirt - und nicht viel
mehr. Sie holt ihre Bedeutung aus ihrem Schicksal, nicht aus Ihrem
Die "Lust"von d Annunzio, die Sie auf der Reise gelesen haben,
Wesen.
war mir auch nicht sympathisch. Vor allem schien mir einige Snobis-
mus drin zu stecken; auch Bildungssnobismus. Dagegen wäre möglicher-
weise nichts einzuwenden, wenn nicht gewisse künstlerische Schwächen
daraus hervorgingen. Ein Dichter hat gewiss das Recht zu sagen: Sie sah
aus wie die Madonna von Hafael in Dresden, oder er erinnerte sich an ein
Pörträt von Rembrandt; - aber er darf nicht verlangen, dass ich mir was
vorstellen soll, wenn er schildert: Sie hat Hände wie die Dame auf dem
Bild eines unbekannnten Malers das in einer unbekannten Gallerie in
einer ganz kleinen italienischen Stadt hängt. Derartiges findet sich
in der "Lust" nicht gerade selten.- Was ich aber sonst von d Annunzio
kenne, hat mich mit Bewunderung erfüllt. Ich meine den "Triumph des
Todes" und die "Unschuldige".-
Wie lange bleiben Sie noch in Italien? Werden wir bald wieder
von Ihnen hören? Ich brauche die "Wir" nicht näher zu bezeichnen. Paul
Goldmann geht auf etwa ein halbes Jahr nach China und Japan, im Auftrag
seines Blattes; er schifft sich am 5. April in Genua ein. Ich will in
der Charwoche per Rad vom Brenner aus durchs Ampezzothal nach Venedig.
Von meiner Mama und Beer-Hofmann habe ich Ihnen die besten
Grüsse zu sagen; mögen Sie, verehrtester Herr Brandes, angenehmes
denken und angenehmes erleben und uns, wenn Sie sich auf der Rückreise
wieder in Wien aufhalten (was dringend gewünscht wird) mancherlei
davon erzählen.
Herzlichst ergeben
Arthur Schnitzler