B17: Brandes, Georg 17 (2) Schnitzler an Brandes, Seite 16

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selbst wenn ich weiss, wie es besser zu machen wäre. Es hat in Berlin
und Wien bei der Erstaufführung viel Erfolg gehabt; in Berlin ver-
schwand es bäld; hier scheint es sich zu halten. Irgend eine Zukunft
hat es gewiss nicht - und wahrhaftig nicht nur wegen seiner Traurigkeit!-
Nun hab ich was geschrieben, das mir lieber ist; drei kleine
Stücke, von denen das eine "der grüne Kakadu", das beste, grossen
Schwierigkeiten begegnet. In Berlin haben sie es verboten;- hier will
die Hofcensur die unmöglichsten Änderungen. Es spielt am Abend der
Bastillenerstürmung zu Paris - aber ich soll den "Blutgeruch" heraus-
streichen. Auch dass ein Herzog umgebracht wird, will den Leuten nicht
gefallen. Ich freu mich Ihnen das Ding bald zu schicken; es wird Sie
wahrscheinlich amusiren. Und jetzt bin ich mit einer ganz phantastischen
fünfactigen Sache beschäftigt; mir scheint überhaupt als käme ich jetzt
in andre Gegenden. Wer weiss, ob alles Bisherige nicht doch nur Tage-
buch war; wenigstens von einer gewissen Zeit an. (Denn früher einmal,
von meinem 9.bis zu meinem 20. Jahr hab ich geschrieben, "wie der Vogel
singt - ich muss damals sehr glücklich gewesen sein; denn ich erinnere
mich gar nicht, wie ichs eigentlich gemacht habe. Ich habe noch manches;
Truuerspiele und Fastnachtsspiele ud komische Romane; nahezu durchaus
blödsinnig; aber ich habe selbst zu der Zeit, da ich diese Dinge
schrieb, nie das Bedürfnis gehabt, es irgend wem zu zeigen. So wird
man zudringlicher, niedriger undunfröhlicher von Jahr zu Jahr.-)
Hoffentlich schwingt sich Beer-Hofmann auf, Ihnen nebst zu
schreiben; faul ist er allerdings enorm. Sie wissen wahrscheinlich
nicht einmal, dass er geheiratet hat, Paula, die Sie kennen, auch hat
er schon zwei Töchter, die Mirjam und Noemi heissen. Aber seine neue
Novelle (was ich davon kenne ist wunderschön) ist noch nicht fertig. Ist
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Ihnen ein Roman bekannt, die Juden von Zirndorf, von Wassermann? Ich
glaube, das ist derjenige Mensch, der den deutschen Roman vom Anfang
des nächsten Jahrhunderts schreiben wird. Sind Ihnen die Novelletten
zugekommen, die ich Ihnen im Frühjahr schickte? ("Frau des Weisen".-
Von Ihren Ausflug nach Polen und Ihrem Empfang haben wir hier
gelesen; dagegen habe ich von Ihren Gedichten absolut nichts gewusst.
Werden Sie sie übersetzen lassen? Sind sie schön? Haben sie sie gern?
Wie viele Stunden hat Ihr Tag! Zu allem haben Sie Zeit. Und alles be-
wahren Sienauf, das ist das Bewunderungswürdige, und darum sind Sie
so reich.
Ich wünschte, Sie würden gleich gesund, reisten wieder nach
Italien, und blieben auch ein paar Tage in Wien. Ein Wort von Ihnen,
wieis Ihnen geht, brächte mir jedenfalls viel Freude.
Herzlich grüsst Sie Ihr Ihnen treuergebener
Arthur Schnitzler
Wien, 12.I.99.