A145: Mein Freund Ypsilon, Seite 13

W.
21. Heft
An der schönen blauen Donau.
Seite 492
:
Das verlorene Paradies.
und die weiter wachen, weiter spioniren dürfen, die den glück¬
seligen Augenblick erwarten, in dem die Ungetreue sich durch einen
Nach dem Französischen des
Blick, ein Wort verrathen wird... Ich aber bin ein Verdammter
für ewige Zeit; denn das Grab gibt keine Antwort... Und
manchmal fahre ich des Nachts aus meinen wüsten Träumen
Mendy
auf, von dem Gedanken gequält, daß ich vielleicht das Andenken
Oc Culle
einer Unschuldigen entweihe... Wie gern möchte ich sie weiter
(Catulle Mendès.)
lieben, das Weibe das mich so selig gemacht hat... Wie gern
möchte ich sie hassen können, die Erbärmliche, die mich betrogen
und beschimpft... Vor mir, hier auf dem Schreibtische steht
wieder ihr Bild, denn ich habe es vom Boden aufgehoben
Vos Cruestians
und lasse es an seinem früheren Platze stehen. Wenn ich Dich
Nachdruck verboten.
anbeten dürste, hinstürzen vor dieses Bild, wie vor das einer
Heiligen und weinen! Wenn ich Dich verachten dürfte, dieses
Ich träumte — und da erschien mir eine Gestalt;
Bild zertreten unter meinen Füßen!...
sie glich einer jungen Frau in Balltoilette
Abende, Nächte lang starre ich in diese stummen, lächelnden,
die Flügel sahen aus wie flatternder Monsseline
räthselhaften Augen...
ich wußte also gleich, daß es ein Engel war.
Wie lang?
„Schöner Engel," sprach ich, „wie verdiene
ich die Huld, daß ich Dich empfangen darf zu
Unter meinen Tritten rauscht das frischgefall'ne Laub,
Und ich lasse mich nach fernen Tagen
so ungewöhnlicher Stunde, in diesem Zimmer,
Stolzen Sinns- von meiner Hoffnung tragen,
wo noch der liebessüße Duft brauner Flechten
Ich, derselbe Erdenstaub!
sich verspätet hat? Verletzt Dich nicht dieser Duft,
Wie doch Alles rings der Jugend bunt in Blüthen steht,
Dich, der Du gewöhnt bist an den Weihrauch,
Sie, der Alles grün und sonnig deuchet.
den Rauchfässern entstiegen, die im wesenlosen
Sieht nicht, wie so manches Leben keuchet,
Wo sie leichtgemuthet geht!
Aether von elftausend Jungfrauen geschwungen
Und wie lang, dann eilt auch schon ein anderes Geschlecht,
werden? Um Himmelswillen, nah' nicht meinem Tische; dort
Kühnen Fernblicks, strebend ohne Zügel,
könntest Du vielleicht das Bild eines schönen Menschenkindes
Ueber mein Gedächtniß, meinen Hügel
erblicken, gehüllt in die Erinnerung an ein Gewand, in die
Hin mit gleichem Glückesrecht!
Reue um ein Hemdchen. Und was gar meinen Bücherschrank
Wolfsbach.
betrifft — Du fändest nichts darin, als bittere und traurige
Frz. H. Achleitner
Gedichte, die ich lese, ein Lächeln auf den Lippen, närrische
Märchen, die ich lese, eine Thräne in A
Kugel antwortete:
Erspare Dir die Mühe, mir Rathschläge zu geben. Wenn
er Unbesiegbare!
ich oder meinesgleichen zu Leuten kommen, so wissen wir, was
Der Geist ist uns vorangeflogen
wir dort zu suchen haben. Auch bemühe Dich nicht weiter, zu
Bis in die fernste Ewigkeit
erfahren, welcher Deiner Tugenden Du meinen Besuch ver¬
Er hat das Zauberland durchzogen
dankst. Allmächtig, wie wir sind, kommt uns des öfteren die
Unendlichkeit,
Laune an, Diejenigen zu begünstigen, die unsere Gnade am
Er konnt' der Erde Bahn ergründen,
Als er empor zum Licht sich schwang,
Wenigsten zu verdienen scheinen. Und Allmacht gibt es nicht
Er konnte donnernd uns verkünden,
ohne ein Bischen Plantasie."
Weltuntergang,
Ich ließ es mir gesagt sein und schwieg fein still, da ich
Doch wie er herrlich auch errungen.
mich außer Stande fühlte, mit einer Erscheinung zu streiten,
Was in Aeonen werden mag
die so vollkommen einer jungen Frau gleichsah.
Sein Schicksal hat er nie bezwungen
„Ich bin gekommen," fuhr der Engel fort, „um Dich zu
Vom nächsten Tag.
fragen, ob Du in's Paradies kommen möchtest, ohne Dich mit
Wien.
leeren Formalitäten, wie Tod und Begräbniß, aufzuhalten.
Salten
Fely
Man kann sich unschwer vorstellen, daß solch' ein Anerbieten
Poetenliebe.
Mein Herz die schönste Stunde feiert
Im Hauche der Melancholie
Von ihrem blauen Duft umschleiert,
Naht die geliebte Poesie.
So traulich stille wird’s zur Stunde,
Es rauschet leise ihr Gewand,
Und eine alte Märchenkunde
Schwebt mit dem Rosenduft durch's Land.
Die Traute beugt sich lächelnd nieder,
Mein Antlitz streift ihr seid'nes Haar
Es weckt ihr Kuß die gold'nen Lieder
Und macht das Märchen lieblich wahr.
Die Vöglein flüstern in den Zweigen:
Schaut, wen die Schönste da erwählt!
Und nächtlich wird im Elsenreigen
Von uns'rem Liebestraum erzählt.
Zürich.
Victor Maria.
mich höchlichst entzückte; hatte ich doch immer das heiße Ver¬
langen gehabt, die Herrlichkeiten des Himmels zu erschauen.
„Gehen wir sofort!" rief ich aus.
Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, als ein rosiges
Wölkchen in Gestalt eines Lustballons durch die offene Decke
in's Zimmer schwebte. Die Gondel, groß genug für zwei
Personen, bestand aus einem Geflecht von Strahlen. Kaum
saßen wir, der Engel und ich, darin, so rief er „Vorwärts!“ zu
unsichtbaren Dienern, und wir stiegen empor, rasch und rascher
in die dunkle, blaue Stille der Nacht.
Indetz in nebliger Ferne die Wohnungen der Menschen
verschwanden und die Berge immer mehr und mehr zusammen¬
schrumpften, fragte ich:
„Holder Engel! Ist das Paradies in der That so herrlich,
wie unsere Träume es schildern? Sprich mir, o mein göttlicher
Führer, sprich mir von den Wundern, die meiner Blicke harren,
von den Freuden, denen meine Seele entgegengeht!“