A20: Flucht in die Finsternis (Der Verfolgte, Wahnsinn), Seite 100

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Plötzlich wandte Otto sich um, Robert verlieh seinem eigenen Blick
einen unbefangenen Ausdruck und bemerkte, dass Ottos Augen sich
leicht
flüchtig umschleierten. Gleich darauf trat Otto ganz nahe zu ihm
hin und meinte lächelnd: "Du bist nun hoffentlich endgültig ver-
nünftig geworden.“ - "Endgültig?“ wiederholte Robert,für seinen
Teil den scherzhaften Ton aufnehmend. "Das kann man ja nie wis-
sen. Bei mir schon gewiss nicht. Und ist es denn gar so wünschens-
wert vernünftig zu sein,engültig vernunftig?" - "Meiner Ansicht
nach doch wohl“, erwiederte der Andere ernst,beinahe hart.- “Das
wäre noch zu beweisen", entgegnete Robert eigensinnig. "Vielleicht
bin ich sogar verrückt. Ich will es nicht in Abrede stellen. Aber
wenn ich es bin, so fühle ich mich sehr wohl dabei. Und das ist
doch die Hauptsache, nicht?“ Es war ihm, als eröffnete sich ihm
mit einem Mal eine neue Aussicht auf Rettung. “Ich habe mich nie-
mals vorher so wohl gefühlt“,wiederholte er mit Betonung. "Also
mach dir um meinetwillen keine Sorgen, ich versichere dich, dass
ich mit keinem Menschen auf der Welt tauschen möchte."
Ottos Antlitz war unbeweglich geblieben. "Nun,so ist
ja alles in Ordnung“, sagte er. Es klang wie zerstreut. Und dann,
als fiele es ihm eben erst ein,brachte er aus einer Tasche sei-
nes Ueberrocks ein zusammengefaltetes Papier hervor. "Dass ich
nicht vergesse“, sagte er leichthin,“da ist dein Brief." - „Was
für ein Brief!“ fragte Robert, der sich im ersten Augenblick tat-
sächlich nicht zu besinnen vermochte.- "Den du gestern von mir
verlangt hast. Ich habe ihn glücklicherweise noch vorgefunden.
Hier ist er, vergewissere dich nur „fügte er lächelnd hinzu, ob
ich nicht etwa einen anderen untergeschoben habe."