B89ab: Salten, Felix, Seite 322

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könnte ich auf Ihren Brief entgegnen:“Ich bin kein Schurke, Ty-
balt, ich seh'e Du kennst mich nicht - somit Lebmohl. Aber es
zeigt sich, dass solche Milde übel angebracht ist und dass Ty¬
balt bald darauf dennoch niedergeschlagen werden muss. Deshalb
antworte ich Ihnen lieber gleich ausführlich und erspare das Leb
wohl für den Schluss.
Man braucht Ihren Brief nur neben meine Hauptmann-
Kritiken zu legen und Ihre ganze Taktik enthüllt sich im Augen¬
blick. Auch für diejenigen, die es nicht wissen sollten, dass ich
von Anfang an jedes Werk Hauptmanns mit Bewunderung aufgenommen
habe. Auch für diejenigen, die es weder aus meinen Schriften noch
aus meiner persönlichen Bekanntschaft zu wissen vermögen, dass ich
mich niemals gefreut habe, wenn irgendwo einem arbeitenden Manne
ein Werk misslang. Und dass solche Freude meinem ganzen Wesen
G.H.F.P.
fremd ist.
Für jeden Unbefangenen sprechen es meine Hauptmann-
Kritiken ohne alle Unterstimmen aus, dass ich die "Jungfern vom
Bischofsberg" für schlecht halte. Nur diese. Dass ich aus Haupt¬
manns Prosa und aus eben diesem letzten Lustspiel den Eindruck
empfing, er ermangle der Selbstkritik und der Fähigkeit des ar-
tistischen Arbeitens. Dass ich für das Misslingen dieses Lust-
spieles Ursachen suche, die mir ausserhalb von Hauptmanns Person
zu liegen scheinen. Vor allem aber, dass ich über diesen Einzel-
fall hinaus an Hauptmanns dichterische Bedeutung glaube, und
meine Leser auffordere, über diesen Einzelfall hinweg der Bedeu¬
tung des ganzen Nannes eingedenkt zu bleiben.
Sie beschuldigen mich dagegen einer "schlecht verhehl-
ten Freude: Dass heisst, Sie zögern keinen Augenblick es auszus