A145: Mein Freund Ypsilon, Seite 9

A. W.
2. Heft
An der schönen blauen Donau!
Seite 28
Eine warme Luft strömte jetzt von draußen in's Zimmer,
„Nach House, nach Hause!" rief Ypsilan laut, doch wie
einer von den Leuchtern verlöschte, die anderen flackerten weiter,
mit unruhigem Schein, ich sah das Alles im Halbtraum, dann
stöhnend.
„Laß doch," beschwichtigte ich ihn, „wir kommen früh genug
schlief ich vollends ein.
heim. Was willst Du auch daheim?.. Du darfst nicht mehr
Es dämmerte, als ich aufwachte. Ypsilon war nicht mehr
arbeiten.
im Zimmer!
Er sah mich an, ganz erstaunt. „Ich muß doch," sagte er.
Noch dachte ich an nichts und erhob mich, um zu dem
Jetzt fuhren wir zwischen den ersten Laternen der Vorstadt
Tische zu gehen, wo ich im Dämmerlichte einen zusammen-
Immer ruheloser wurde Ypsiton. Er fuhr mit den Händen hin
gefalteten Zettel liegen sah.
und her, und seine Augen irrten; auch athmete er wie ein
Bevor ich ihn öffnete, trat ich zu dem Bette meines Freundes.
Fieberkranker.
Es war nicht berührt worden.
Erathmete so heftig, daß sich der Kutscher umwandte und
Ich schauderte und sah vor Allem, wie schon so die Ver-
ihn mit Verwunderung betrachtete. Dann hieb er auf die Pferd
wirrung in solchen Augenblicken mit uns ihr Spiel treibt
ein, und mit großer Geschwindigkeit rollten wir auf dem lärmen
nach den Kerzen. Sie standen nicht mehr auf dem Tisch, sie
den Pflaster dem Wohnhause meines Freundes zu. Ein- oder
lagen sammt den Leuchtern in der Ecke neben dem Ofen. Ich
das anderemal rief ich ihn noch an: „Ypsiton! Ypsilon!" Er
sah nach den Blättern, sie lagen zerstreut da, wie früher.
aber hörte gar nicht auf mich; in unendlich hastiger Arbeit schien
Jetzt erst öffnete ich den Zettel. Darauf stand:
sein Geist befangen, und meiner bemächtigte sich eine immer
„Türkisa ist todt! Alles ist vorüber!"
trübseliger Stimmung.
Meine Zähne schlugen zusammen. Wo war er, wo war
Ein Bild tauchte vor mir auf, als wir durch die schlecht
er denn nur?
erleuchteten Gassen fuhren, das ich nimmer los werden konnte...
Ich eilte in's Vorzimmer - leer! Riß die Thür auf, trat
Ich sah die Prinzessin Türkisa im Sarge liegen, der ganz von
in's Stiegenhaus — es war dunkel. Ich ging zurück, ent¬
Glas war, und davor stand mein unseliger Dichter mit thränen¬
zündete eine von den in der Ecke liegenden Kerzen und trat in
losen, schmerzlichen Augen.
den Flur. Dort lag etwas Schwarzes ganz unten! Ich hielt
Da hielten wir vor dem Hause; Ypsilon sprang aus dem
das Licht über das Geländer, um besser zu sehen. Ein rother
Wagen und stürmte über die Treppen. Als ich hinauf kam,
Wachstropfen fiel hinunter, ich rannte mit dem Lichte die Treppe
saß er schon da vor seinem Schreibtisch mit den vier rothen
hinab — da lag sein Leichnam vor mir
Kerzen — und hörte mich nicht, als ich eintrat
Dann kamen, wol durch meinen hastigen Lauf über die
Eben begann er zu schreiben. Alles um ihn war versunken
Stiegen aufgeweckt, noch andere Leute dazu und erblickten den
Die sterbende Türkisa bannte ihn in ihren Kreis
Körper.
Ich legte mich auf den Divan und gedachte hier zu bleiben
„Was ist's?" fragte man. Einige schrien auch laut auf.
da ich ernstlich unruhig war
Ich hielt mich zu einer Erklärung verpflichtet: „Er war
Seine Feder hastete über's Papier, das Fenster war offen
die Kerzenlichter flackerte, Die losen Blätter seiner Geschicht
wahnsinnig, sa
— 'Sine.
ungen auf dem Tisch durch einander. Der Ausdruck seines
„ „ Bin
gezittert haben —
r. s.
sichtes ward immer bewegter; dabei war er aber todtenblaß.
In einem Augenblick hatte ich das deutliche Gefühl, daß
Türkisa starb. Er schrieb plötzlich etwas langsamer, während er
schwer athmete und mit stierem Blicke auf die vor ihm liegenden
Zeilen starrte. Dann ließ er die Feder aus der Hand fallen
sein Kopf sank herab, und er weinte bitterlich, herzbrechend
Mir wurde wohler, freier. Ich dachte, jetzt sei es vorbei, der
Bann gelöst, die schreckliche Phantasie, in der er Tage lang
gelebt, sei zerstoben, verweht. Ja, mir war, als ginge in der
ganzen Atmosphäre rings um uns her eine Veränderung vor
Böse Geister rauschten durch's Fenster davon — und die rothen
Lichter im Zimmer brannten ruhiger und heller. Auch die
Blätter auf dem Tisch regten sich nicht mehr; der Friede wat
wiedergekehrt. Und -mein armer Freund weinte, weinde still
und stiller.
Ich schlummerte auf dem Divan langsam ein.
Es muß ziemlich lange gewesen sein, denn als ich wieder
aufwachte, waren die Kerzen tief herabgebrannt. Ypsilon aber
saß noch immer da mit gesenktem Haupte.
Ich trat zu ihm. Er sah mich voll, mit einem ganz
beruhigten Blicke an.
„Geh' doch schlafen," sagte ich zu ihm
Er erwiderte, und seine Stimme klang fest und gemäßigt
„Geh' Du doch und sorge Dich um nichts weiter."
„Nun, Ypsillon," rief ich freudig bewegt aus, „es ist doch
Alles vorüber!
„Alles vorüber," sagte er und küßte mich auf die Stirne.
„Nun, so erlaube mir doch," sagte ich, „den Rest meiner
Nachtruhe hier auf dem Sopha in Deinem Zimmer zu halten
Ypsilon.
„Bleib' immerhin," erwiderte er mit freundlichem Blicke
Er behielt mich im Auge, während ich mich auf das Lager
streckte. Und als ich ihm zurief: „Also in's Bett!“ nickte er mir
lächelnd zu. Ich fühlte sein Auge weiter auf mir ruhen, als
ich zu schlummern begann.
Eem
Ich habe die letzte Erzählung meines Freundes Ypsilor
gelesen; sie ist ganz mißlungen, und es steckte kaum etwas
Talent darin.
Sicher ist das ein trübseliger Abschluß meiner Geschichte;
es gehört jedoch zur Vollständigkeit meines Berichtes.
Londrester,
Nichtsdestoweniger war Ypsillon ein wahrer Dichter, ja
ein großer Dichter! Denn welch eine Plantasie muß es sein,
die ein Wesen hervorzuzaubern vermag, in das sich der
Phantast selbst bis zum Wahnsinn verlieht. So sehr verliebt
daß er nicht weiterleben kann, wenn die eingebildete Gestalt
wieder durch andere Spiele der Plantasie ins Nichts her-
niedertaucht.
Die Muse hat zuweilen Launen... das Werkzeug einen
solchen war mein Freund Ypsillon. Er ist verrückt geworden
und gestorben.
Nun, es haben ihn Wenige bei Lebzeiten gekannt... seine
Werke werden ihm die Unsterblichkeit nicht verleihen. Sein
Wahnsinn jedoch wird ihn Manchem liebenswerth erscheinen
lassen, dessen Interesse von den traurigen Scherzen angeregt
wird, an denen die Natur zuweilen Gefallen findet.
Launische, goldene Plantasie! Dem Einen nahst Du
schmeichelnd in duftender Freundschaft und bildest ihn zum
glücklichsten aller Narren, zum Dichter; wie einen Feind
überfällst Du den Andern und machst ihn zum Bedauerns¬
werthesten der Poeten: zum Narren!