A228: Spaziergang, Seite 2

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P.
J.
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auch daran, dass hier die Stadt als ein Ganzes vor dir liegt, und
dass du sie geordneter siehst, als wenn du durch ihre Strassen wandelst.
Oder auch die Eindrücke, die du aus der Stadt mitbringst, fangen erst
hier, wann es einsam und stille um dich wird, zu wirken an."
"Aber es braucht durchaus nicht so zu sein", warf Stefan ein,
"denn man braucht ja nicht gerade das Charakteristische seiner Heimat
zu lieben. Ja, nicht einmal irgend etwas, vas tatsächlich vorhanden ist.
Was mich anlangt, so bin ich darauf gekommen, dass das, was ich an Wien
so lieb habe, längst nicht mehr da ist. Ich habe die Häuser von 1760
gern, die längst niedergerissen sind, und die Wiener Damen von 1820, die
längst gestorben sind, und die Wiener Walser, die traurigen, vom
a 1 ten Strauss, die man nimmer spielt. Und wenn ich einmal über den
Ring bummle, in Frühjahr, und ich fühle mich behaglich, so merke ich
gleich, dass ich g eigentlich ein Herr von 1870 bin, und ich sehe alle
die Leute, wie ich sie auf Bildern nach vielen Jahren sehen würde.“
"Das glaubst du nur!" rief Fritz. "Es ist nur ein Raffinement
mehr, um sich am Lebendigen zu freuen. Gelegentlich überzeugt man sich
aber auf die angenehmste Weise, dass man doch nicht mit Schatten oder
Bildern zu tun hat; nicht wahr? Und ich lasse mir von dir, Hans, mein
lustiges Wien, nicht traurig, und von dir, mein lieber Stefan, meiin le-
bendigesWien nicht historisch machen. Ja, verachtet mich nur. Ich bin ja
auch wirklich von euch beinahe schon in meinen heiligsten Wiener Empfin-
dungen verdorben worden. Es ist mir geschehen, dass ich beim Gusthel-
bauer sass und sich bei dem köstlichen Lied vom "Alten Draher" nichts in
mir regte. Ich habe das Herz von einem "echten Weana" preisen gehört
und beinahe vergessen, dass ich selbst eins habe! Der Rein von die Tanz
und "Gstanz" hat mich unegrührt gelassen — und ich war nahe daran, darü-
ber zu höhnen, dass der alte Steffel, oder gar der Vater Radetsky mit
Interesse auf uns niederschaut. Das soll wieder anders werden. Ich muss
meine Naivität wieder bekommen. Mein heiteres Wien will ich mir wieders
entdecken, das, wofür ihr Alle nicht die richtigen Augen habt. Wo du hin-
schaust, N###k Hans, da siehst du nur die stuwe Wehmut der Dinge und
die unbesorgte Beschränktheit der Menschen.- Für dich, Max, ist überall
die Dürre des Gesetzmässigen und Notwendigen.— Und gar du, Stefan! -
Für dich sind überall Komödianten, die dir ahnungslos was vorspielen
müssen. Manchmal hast du die Güte, zu applaudieren, öfters aber bist du
zerstreut, oder nicht in der Laune, hinzuhorchen.- Ich will anders sein,
wie Ihr Alle! Ich will, was ihr eigentlich Alle nicht könnt, mit ihnen,
unter ihnen leben.