A20: Flucht in die Finsternis (Der Verfolgte, Wahnsinn), Seite 15

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für geisteskrank halten? Und ist auf solche Art nicht Einer dem
Andern rettungslos ausgeliefert,- der Kranke dem Gesunden,wie der
Gesunde dem Kranken? An dieser Stelle aber riss Robert sich ge-
waltsam zurück. Er wollte sichs nicht länger gefallen lassen, dass
krankhafte Grübeleien ihn wehrlos in das trübe Land schwankender
Möglichkeiten trieben, wo das Höchst-Wahrscheinliche und das Kaum-
Vorstellbare in unlauterer Nähe beisammen wohnten. Wieder warf er
einen raschen Blick in den Spiegel. Einen Unterschied zwischen
rechts und links vermochte erheute nicht wahrzunehmen. Beide Augen
blickten etwas trüb und ermüdet, doch war er auf dem linken von Ju-
gend auf ein wenig kurzsichtig gewesen und hatte die Gewohnheit
angenommen es zuweilen zusammenzukneifen. Dazu kam, dass er heute
Nacht kaum geschlafen hatte. Er sah im ganzen, das war nicht zu
leugnen, abgespannt und übernächtig aus. So entschloss er sich den
beabsichtigten Besuch vorläufig zu verschieben, um Otto nach einer
gut verbrachten Nacht,erfrischt, in gehobener Stimmung,und womög-
lich - denn auch dies erschien ihm nicht ohne Bedeutung - bei
gänzlich aufgehelltem Wetter zum ersten Mal wieder gegenüberzutre-
ten.
Bald darauf trat er aus dem Tor des Gasthofs, behagte sich
in der Vorstellung als Fremder in den Strassen einer unbekannten
Stadt umherzuspazieren und nahm mit Absicht sein Mittagessen in
einem Gasthaus, in das er früher niemals eingetreteh war. Dam be-
gab er sich auf die Suche nach einer Wohnung, lief stundenlang in
verschiedenen Häusern treppauf-treppab, besichtigte Dutzende von